Angst: Nach zwei Selbstmorden an Mittelschule sind Eltern verunsichert

Elternabend mit Schulpsychologen soll Sorgen ausräumen und Antworten auf häufig gestellte Fragen geben - Veranstaltung für alle Interessierten aus der Region offen

Zwei Selbstmorde innerhalb von nicht einmal einem halben Jahr haben die Mittelschule in Olbernhau erschüttert.
Beide Schüler waren gleich alt und gingen in dieselbe Klasse. Während sich der eine Schüler erhängt hat, ist der andere zu Hause vom Balkon in den Tod gesprungen

Von Thomas Wittig

Olbernhau. "Seit den Winterferien habe ich den Eindruck, dass sich das schulische Leben wieder normalisiert", sagt Uwe Klaffenbach. Trotzdem - auch der Schulleiter rätselt: "Warum macht ein 15-Jähriger so etwas?" Bis heute hat der Olbernhauer keine Antwort darauf gefunden. "Es gibt für mich in beiden Fällen keine Gründe für eine solche Tat", sagt er. Aber nicht nur der Schulleiter zerbricht sich den Kopf über das, was in seinen Schülern vorgegangen sein mag.
Auch viele Eltern haben die Vorgänge bis jetzt nicht verarbeitet, im Gegenteil. "Es kommt der Effekt mehr und mehr zum Tragen, dass jetzt - mit einem gewissen Abstand zu den Ereignissen - Fragen bei den Schülern, vor allem aber bei den Eltern auftauchen. Selbst Hausärzte haben sich im Namen besorgter Eltern an uns gewandt", weiß Klaffenbach.

Um sich mit den Ereignissen noch einmal auseinanderzusetzen, vor allem aber, um die Sorgen der Eltern auszuräumen, soll am 16.April in der Aula der Mittelschule ein Elternabend stattfinden. Dazu sind nicht nur die Eltern der Mittelschüler, sondern alle Interessenten, auch aus anderen Orten, eingeladen, verweist Klaffenbach.
Gerade in Olbernhau habe der jüngste Selbstmord Mitte Januar weite Kreise gezogen - unter anderem bis ins Gymnasium. "Der Schüler war beliebt, hatte einen großen Freundeskreis", nennt Klaffenbach die Gründe dafür.

Der Schule beziehungsweise den Lehrern seien in keinem der beiden Fälle von den Eltern Vorwürfe gemacht worden. "Der durchaus vorhandene schulische Druck könne für solch eine Verzweiflungstat auch nicht allein der Auslöser sein", betont Klaffenbach. "Da müssen mehrere Dinge zusammengekommen sein."
Wie aber können Eltern und Lehrer die vermeintliche Ausweglosigkeit in der sich ein Kind befindet, erkennen? Sollten Schüler weiterhin Leistungsdruck ausgesetzt werden? Müssen Eltern besorgt sein, wenn ihre Kinder schweigsamer werden, sich abkapseln und nicht mehr offen über ihre Probleme sprechen? Sollen Eltern und Lehrer mehr durchgehen lassen?
Auf diese und andere Fragen wird es zum Elternabend Antworten von zwei Schulpsychologen der Sächsischen Bildungsagentur Chemnitz geben. Einer von ihnen ist Horst Drummer. Seinen Worten zufolge lasse sich nicht pauschal sagen, was bei Jugendlichen erste Signale sind, die auf eine ausweglose Situation, möglicherweise sogar einen Selbstmord hindeuten könnten. Auffällig sei, wenn sich ein Schüler mit bislang normalem Umgangsverhalten plötzlich zurückzieht. Gibt er zudem Selbstmorddrohungen von sich, auch wenn diese nur so dahingesagt scheinen, sollten sie ernst genommen werden. Ein erhöhtes Gefährdungspotenzial besäßen Jugendliche mit depressiver Neigung. Eltern sollten immer darauf achten, ob ihr Kind weiter über alles mit ihnen redet.

Horst Drummer und eine Kollegin waren bereits in der Woche nach dem zweiten Suizid täglich vor Ort, wie auch Mitarbeiter des netzwerkSALUTO.
"An normalen Unterricht war damals nicht zu denken. Wir hatten es den Schülern sogar freigestellt, ob sie zur Schule kommen oder nicht. Sie sind gekommen. Es wollte keiner allein zu Hause sein", erinnert sich Klaffenbach.

Elternabend: Anmeldungen sind bis 23. März in der Mittelschule Olbernhau unter 037360 72205 erwünscht.



Freie Presse / Marienberg; 20. März 2007